Österreich

Österreich: Christlich und sozialistisch.

Ernst Karl Winters »Geschichte des österreichischen Volkes«.

7 540 Wörter | 38 min


Abstract

Österreich, nicht Deutschland! Vor dem Zweiten Weltkrieg war das keine Selbstverständlichkeit. Ernst K. Winter, promovierter Soziologe, der durch sein Wirken als österreichischer Nationalist und Brückenbauer zwischen links und rechts in der Zwischenkriegszeit bekannt geworden war, schrieb 1945 eine Geschichte des österreichischen Volkes. Sie hätte eine mythologische Basis geboten, für einen erstarkten österreichischen Nationalismus infolge des Zusammenbruches des Hitlerfaschismus. Der Stimmung gegen Exilanten geschuldet fand er für sie aber keinen Verlag. Sie wurde erst 2018 veröffentlicht. Winter meint: Österreich ist der Ort, an dem sich Christentum und Sozialismus treffen. Nicht nebeneinander, sondern ineinander. Und er plädiert: Austria sancta!


Text

1. Einleitung

Mit der heutigen historischen Moderne ist die nationale Frage engstens verbunden. Trotz des mittlerweile vorherrschenden Zeitalters der Globalisierung, einer deren wichtigsten Bestandteile das gewollte Überwinden der Nationalstaaten zu Gunsten einer globalen freien Marktwirtschaft ist, bleibt diese nationale Frage dennoch allermindestens als Eckstein jeder zeithistorischen gesellschaftswissenschaftlichen Analyse relevant, bleibt das aber sicherlich weit darüber hinaus ebenso.

Die Herangehensweisen an die Beantwortung dieser Frage in ihren jeweiligen Anwendungsfällen - die jeweiligen nationalen Fragen - unterscheiden sich zum Teil recht drastisch. Gemein haben sie aber alle, dass sie die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer Nation von bestimmten menschlichen Eigenschaften abhängig machen. Hieraus ergibt sich auch die grundlegende Funktion, die jeden Menschen einer Nation zuordnet:

Der Mensch mit den Eigenschaften a, b, c, ...

ist Mitglied der Nation 1.

Sie kann auch negativ formuliert werden:

Der Mensch mit den Eigenschaften x, y, z, ...

ist nicht Mitglied der Nation 1.

Und sie können genauso nach den üblichen logischen Gesetzen kombiniert werden:

Der Mensch mit den Eigenschaften a, b, c, ...

oder den Eigenschaften f, g, h, ...

und nicht den Eigenschaften x, y, z, ...

ist Mitglied der Nation 1.

Jedenfalls sind diese Sätze die logische Basis jeder Beantwortung einer nationalen Frage; Menschen werden einschließend Nationen zugeordnet und/oder ausschließend von Nationen ausgenommen.

Verbreitete menschliche Eigenschaften, die diesen Nationalkonzepten zugrundeliegen, sind etwa: Sprache, kulturelle Gewohnheiten, räumlicher Lebensmittelpunkt, Abstammung, ...

Gerade die Sprache diente besonders oft als kleinster gemeinsamer Nenner einer Nation, so etwa in Deutschland. Gleichzeitig avancierte zeitweise die Abstammung zum größten tragenden Pfeiler des Deutschnationalismus, so im Nationalsozialismus. Anders in Frankreich oder Tschechien, deren Nationalgrundlagen sich neben der Sprache vor allem im politischen und, darauf aufbauend, kulturellen Selbstverständnis finden.

Diese Grundfragen nur einer Einleitung wegen angerissen lassend, möchte sich diese Arbeit einer bestimmten Antwort auf eine nationale Frage widmen, die bisher wenig Beachtung fand, nämlich derjenigen Ernst Karl Winters auf die nationale Frage Österreichs: "Man hat bisher die österreichische Geschichte vorwiegend von einem Standpunkt aus betrachtet, der die Dynastie, die Monarchie, das Reich, den Staat, die Kultur, aber kaum ... wirklich das Volk ins Auge fasste."40

Ernst Karl Winter (1895 — 1959) war österreichischer Soziologe, prononciert caritasbewusster Katholik. Sein Wirken umspannt die erste Hälfte des 20. Jh. Bekanntheit erlangte er durch seinen – größtenteils erfolglosen – Versuch, in den politischen Wirren der österreichischen Zwischenkriegszeit eine Brücke zwischen den beiden politischen Hauptkräften Österreichs zu schlagen, nämlich den Sozialisten (Sozialdemokraten und Kommunisten) und den Christlichsozialen. Grob verortet werden sie auch als "links und rechts", was Winters berühmtem Ausspruch "rechts stehen, links denken"41 seinen Kontext gibt. Für Winter waren diese beiden politischen Lager, die sowohl innerhalb der jew Lager als auch im Auge der Allgemeinbevölkerung stets als schroff gegensätzlich wahrgenommen wurden, keine antagonistischen Gegensätze, sondern, dialektisch betrachtet, harmonisierbare, sich gegenseitig ergänzende. Diese gegenseitige Ergänzung soll, wovon in dieser Arbeit noch die Rede sein wird, in einer nationalen Koexistenz eingebettet sein und dieser auch gerade zu ihrer Blüte verhelfen.

Winter – der durch den sich ermächtigenden Nationalsozialismus zur Flucht in die USA gezwungen wurde – hatte seine Ansichten zur österreichischen Nation in einer Schrift zum Ende des 2. Weltkrieges hin geschrieben, nämlich in seiner "Geschichte des österreichischen Volkes".42 Sie blieb zum Teil unvollständig. Ihr Hintergrund war der Versuch, auf das kommende Nachkriegsösterreich politisch einzuwirken, was ihm jedoch durch die Eigenwilligkeit und Pragmatik der nicht exilierten politischen Akteure, die in Österreich nach 1945 die Gunst der alliierten Besatzungsmächte erhielten, nicht gelingen sollte. Sie wurde erst 2018 ediert und veröffentlicht.

Seine Schrift gliederte Winter in drei hauptsächliche Kapitel: eine österreichische Frühgeschichte, Hochzeit und Erntezeit. Die chronologisch geordneten Kapitel werden anlassbezogen hier und dort durch eher thematisch abgegrenzte Unterkapitel durchbrochen.

Hauptanliegen – und auch hauptsächliche Position – Winters ist die Revision des (damals) verbreiteten österreichischen nationalen Selbstverständnisses als deutsch. Zwar als "zweiter deutscher Staat" oder als "eigenes deutsches Land", jedenfalls dennoch dezidiert deutsch. Wie später genauer gezeigt werden soll, hält Winter dieses Selbstverständnis einerseits für lächerlich, andererseits auch für unerträglich. Lächerlich nämlich dann, wenn der Österreicher sich wegen seiner Sprache, dem Deutschen, auch als Deutscher fühlen wolle; unerträglich aber dann, wenn er dieses deutsche Selbstverständnis seinen Mitösterreichern aufgrund einer kompensatorischen Mission aufzwingen wolle.43

Winter nähert sich der Thematik aus einer rassenanthropologischen Perspektive. Er grenzt sich bewusst und nachdrücklich von "Rassenmythologie" ab,44 die er vor allem mit dem im Nationalsozialismus praktizierten Rassebegriff identifiziert, sieht aber in der Erforschung einer genealogischen Geschichte von Menschengruppen einen mehrerer Schlüssel zum Verständnis ihrer Wesentlichkeiten.45

Im Folgenden soll Winters Herangehensweise - oder: Winters Nationalkonzept - vorgestellt werden.

Nach der Vorstellung seiner Schrift möchte ich mich außerdem vor allem einer besonderen Dialektik seiner Beobachtung widmen, nämlich seiner Charakterisierung des archetypischen Österreichers als Christen und Sozialisten, wie sie vorhin bereits als Anriss Erwähnung fand. Tatsächlich sieht Winter in der Verschränkung dieser beiden Eigenschaften nicht nur den absoluten Kern des Österreichischen, sondern er hält sie sogar für eine Art "zivilisatorische Krone", für eine optimale gesellschaftliche Ordnung. Dabei identifiziert er das Christliche mit der "politischen Freiheit", also mit den Konzepten des christlichen Personalismus, das Sozialistische mit der "wirtschaftlichen Gleichheit" und Zusammenarbeit.46 An diese optimale gesellschaftliche Ordnung knüpft Winter aber wohlgemerkt trotzdem keine missionarische Aufgabe - viel eher sieht Winter bloß in diesem seinem Österreich, objektiv, einen potentiellen konvergenztheoretischen Endpunkt, in der sich "westliche Demokratie und östlicher Sozialismus nunmehr treffen", wobei er diese beiden Seiten auch ekklesiastisch jeweils mit Rom und Byzanz identifiziert.47 Die subjektive Komponente dieser objektiven Beobachtung - also das Soll zum Sein - beschränkt Winter auf Österreich selbst, statt sie auf die Welt auszudehnen und damit eine österreichische manifest destiny loszulassen.

Diese Dialektik seines Denkens möchte ich dann noch weiters mit dem politischen Geschehen der Zeit kontextualisieren, nicht zuletzt, weil seine Ideologie des Brückenbauens zwischen links und rechts später in der Zweiten Republik eine gewisse Blüte erfahren hatte, obgleich diese Blüte wohl in vielen Dingen anders ausgesehen hatte, als es sich Winter vorgestellt oder gewunschen hatte. Alternativhistorische Überlegungen sind selbstverständlich ein sparsam einzusetzendes Werkzeug. Jedoch drücken sich beim Reflektieren über Winters Ansätze unweigerlich kräftige Fragen auf: Welche realen Potentiale hätten seine Ansichten zur Zeit haben können, hätte es realistische Möglichkeiten für einen Lagerfrieden und für eine Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus gegeben, wären Winters Ansichten damals zur Mode aufgestiegen?

2. Winters Begriff des österreichischen Volkes: ἄνθρωπος und ψῡχή

2.1. Vorbemerkungen

Winters Versuch einer anthropologischen Geschichte fokussiert sich bemerkenswerterweise fast ausschließlich auf sein erstes Kapitel, welches von den gesamten etwa 270 Seiten die ersten etwa 120 umspannt. Insgesamt verwendet er den Begriff „Rasse“ bzw den dazugehörigen Wortstamm in einem Kompositum ungefähr 180 Mal, wobei etwa 170 Nennungen davon im ersten Kapitel stattfinden. Es fällt auf, dass mit Voranschreiten des Buches in Epochen, von denen wir die ersten überlebenden Schriftstücke kennen, der rassische Bezugspunkt für einen eher kulturellen, vielleicht weiter: soziologischen Platz macht.

Allgemein findet diese „rassische“ Betrachtung statt als Teil eines Versuches, „das Wesen des österreichischen Volkes [geschichtlich] zu begreifen“, wofür es „freilich einer kritischen Geschichtsauffassung [bedarf]“.48 Diese kritische Geschichtsauffassung, wie Winter weiter erläutert, deckt sich grundlegend mit unserem heutigen Verständnis von Sachlichkeit als Teil der Wissenschaftlichkeit. Rasse soll nur im Lichte der Kultur betrachtet werden.49

Seinen methodischen Zugang teilt Winter prägnant mit:

„Für eine solche Geschichtsauffassung sind alle historischen Disziplinen jenseits der grundlegenden Ideologienforschung nur Hilfswissenschaften. Die Verfassungsgeschichte von Reich und Staat, die Wirtschaftsgeschichte von Stadt und Land sind naturgemäß besonders wichtig. Doch darf die Kultur-, Religions-, Sitten-, Kunst- und Wissenschaftsgeschichte nicht fehlen. Der Entwicklungsgang von Ideen, Stilformen oder technologischen Methoden in Krieg und Frieden ist gleich wichtig. Nur aus einer allumfassenden historischen Analyse … kann auch die wirklich vollendete historische Synthese kommen. Zwei Hilfswissenschaften verdienen hier jedoch besonderer Erwähnung, einerseits um ihren hilfswissenschaftlichen Charakter, andererseits aber auch um ihre Unersetzlichkeit zu betonen, beides gegenüber ihrer politischen Über- und Unterschätzung. Die Geschichte eines Volkes kann niemals ohne die Hilfe von Anthropologie und Genealogie geschrieben werden. Rassen- und Familienforschung sind schlechterdings unersetzlich für jeden Versuch, den Volkscharakter zu bestimmen. Natürlich muß es zu pathologischen Ergebnissen führen, wenn man als Metaphysik auffaßt, was eben nur eine Hilfswissenschaft sein kann. So wie man die Geschichte nicht einseitig aus den technologischen Veränderungen in der Wirtschafts- oder Kriegsführung erklären kann, eine so große Rolle dieselben auch spielen mögen, noch einfach aus einem einzigen menschlichen Trieb, so gewaltig er auch sei, aus Machtgier, Hunger oder Liebe, so kann man Geschichte auch nicht nur aus dem Gesichtswinkel des Blutes oder der Zeugung schreiben. Gewiß waren die barocken Genealogien der alten aristokratischen Familien ebenso lächerlich wie die moderne Rassenmythologie... Trotzdem ist die Rassen- und Familienforschung ganz und gar unersetzlich und gibt es ohne sie keine nationale Geschichtsbetrachtung. Gerade Österreich muß wissen, woher seine Säfte stammen, soll es seine Aufgabe erfüllen. (…) Die kritische Genealogie ist in der Lage, dem Menschen von heute in exaktester Weise nachzuweisen, wie viele Blutströme in ihm eigentlich zusammenfließen. Das wird in einer Gruppe von Fällen einer respektablen Anzahl von Österreichern zur Erkenntnis ihres überaus bunten Ursprungs verhelfen, der sie vor der einseitigen Überschätzung bloß einer nationalen Komponente ihres vielseitigen Wesens bewahren kann. Aber auch in der anderen Gruppe von Fällen, in denen eine weit zurückreichende, überaus einheitliche Abstammung aus einem nahezu geschlossenen Sippenkreis nachweisbar ist …, wird gerade in Österreich die kritische Anthropologie sehr oft zeigen können, daß selbst die ältesten und einheitlichsten Schichten des österreichischen Volkes aus verschiedenen Rassenelementen zusammengewachsen sind.“50

Bemerkenswert ist hier zweierlei. Einerseits fällt spätestens hier Winters beinahe aktivistischer bzw politischer Einflusswunsch ins Auge, der sich aus dem sich offenbarenden politischen Zweck seiner Beobachtung ergibt („…soll es seine Aufgabe erfüllen“, „vor der einseitigen Überschätzung… bewahren…“). Andererseits zeigt sich hier bereits Winters „rassenwissenschaftlicher“ Zugang, der – zumindest mit Hinblick auf den bekanntesten Vertreter der „Rassenmythologie“, des Nationalsozialismus – untypischerweise in der „Unreinheit“ ein positives „Rassenmerkmal“ erkennen will (Anthropologie und Prähistorik als jene Bereiche, in denen "Mikroskopie mit politischer Weltanschauung den allermeisten Unfug gestiftet hat")51. So bemüht er sich hier darum, die „rassische“ Basis des Österreichers in jedem Fall als „bunt“ und „zusammengewachsen“ zu erkennen; für ihn ist also diese besondere „Mischung“ gerade das Ausschlaggebende des Österreichers, also der „bunte Ursprung“. In gewisser Weise mag man hier vielleicht auch die erste Spur einer sich selbst widerlegenden Rassentheorie erkennen.

Bei dieser Gelegenheit ist anzumerken, dass Winters Manuskript gänzlich frei von Zitationen ist; er zitiert wiederkehrend minimal Teile anderer Werke, an die er sich zu erinnern scheint, statt sie aus Notizen zu übertragen. Diese werden öfters auch vage namentlich genannt. Es fehlt jedoch jeder genauere Nachweis über den Ursprung dieser Einfügungen. So oder so ergibt sich nach Studium seines Textes, der immerhin 1945 entstanden ist, dass Teile der Wiedergabe seines faktischen Wissens heute überholt oder mindestens umstritten zu sein scheinen. Das überrascht auch nicht weiter. Gleichzeitig handelt es sich dabei nicht um die argumentativen Schwergewichte seines Textes, sondern vielmehr um einige Facetten, die als Quellenbereicherung seiner Argumente dienen.

2.2. Vermählung von Wien und den Alpen: Homo vindobonensis und homo alpinus

Winter sieht zwei Varianten, zwei „Typen von Österreichern“: einen homo vindobonensis und einen homo alpinus.52

So soll ihm zufolge der Wiener der „buntere“ sein. Er bestehe aus einem „einstmals alpenländischen Stock“, dem ein „sudetenländischer Zweig tschechischen und deutschen Ursprungs aufgepfropft“ worden war sowie bei dem sich in den letzten hundert Jahren „mannigfache andere [vornehmlich slawische und jüdische] Einschläge geltend“ machten. Weiters sieht er eine relevante Einwanderung von Deutschen, die mit der Romantik zusammenfalle, wie eine Einwanderung von „Romanen“ aus „Spanien, Italien, Frankreich und Belgien“, die er gleichzeitig als wahrscheinlich für das Barock verantwortlich macht. Es hielten sich nach diesem „Einverleiben der Säfte vieler Völker“ west- und osteuropäischer Einfluss die Waage wie sonst nie in Europa.53

Im Alpinen, den er beispielhaft in Steier, Kärntner, Tiroler, Salzburger und Vorarlberger teilt, sieht er, je nach „Unterart“, slowenische, italienische, furlanische, ladinische, weiter römisch-keltische oder ost-romonsche Einschläge.54

Hier weist Winter auch daraufhin, dass diese Einteilung seinerseits chronologisch wie ontologisch der „klassischen Rassenanthropologie“ nachgelagert ist; es gäbe nämlich nun „dahinter… dann erst jene rein anthropologischen Rassenelemente, wie sie in den Lehrbüchern der Anthropologie… vorkommen und von denen in Österreich besonders die norische, dinarische und alpine Rasse genannt werden…“55

Darauf bezogen meint Winter:

„Diese Rassenelemente des Österreichers spiegeln seine älteste Geschichte wider, die weit hinter demjenigen Geschichtsbereich zurückliegt, der durch schriftliche Quellen erfaßt wird. Während der Wiener in seiner kulturellen Elite wirklich ein Europäer ist, sehr oft Westeuropäer und Osteuropäer in einer Person, und in der breiten Masse des Volkes eine glückliche Mischung alpenländischen und sudetenländischen Volkstums, und gerade dieses Moment den Wiener Intellektualismus und die Wiener Produktion aufs entscheidendste charakterisiert, ist der Alpenösterreicher, hinter einem künstlich angelernten Deutschtum und einer überaus dünnen Schichte nordischer Rasse, nur zum geringsten Teile nordischer Bajuware, zum größten Teile hingegen noch immer Alpenslowene oder Ostalpen-Romonsche. Man hat, in anderen Worten, bisher nichts mehr überschätzt in seiner kausalen Wirkung als die bajuwarische Kolonisation des österreichischen Raumes und nichts mehr unterschätzt als die Zähigkeit des vor-bajuwarischen, romanisch-slawischen Rassentums des Ostalpenländer.“56

Demzufolge sei der Alpine also quasi „Romanoslawe“, der Wiener „Rasseneuropäer“ schlechthin. Deutsch nur als lingua franca, als pragmatische Nebensächlichkeit, die genauso gut durch jede andere Sprache ersetzt werden könne.57 Er widerspricht hier bsplw einem Otto Bauer, der die „keltoromanische und slavische [sic] Bevölkerung“ für „dünngesät“ hält und meint, die „keltoromanische wie die slawische Nationalität“ sei in kurzer Zeit dort „völlig verschwunden“, ihre Mitglieder seien vollständig assimiliert worden.58

Winter hakt weiters mit Nachdruck ein, denn bestehe der Österreicher auch aus diesen beiden Hauptvarianten, so…

„…repräsentieren dieselben doch ein und dieselbe historische Aufgabe, wie sich dieselbe während zweier Jahrtausende auf österreichischem Boden entwickelt hat. So wie im ersten christlichen Jahrtausend die Romonschen und Slowenen der Ostalpen im Grunde West und Ost, Rom und Byzanz, verkörperten, um sich schließlich rund um den Großglockner in einer Symbiose zu finden -, so ist auch der typische Großösterreicher des zweiten christlichen Jahrtausends, der Wiener, nur wieder eine andere Art von Verbindung zwischen West und Ost, ob nun alpen- und sudetenländische Massen oder west- und osteuropäische Intellektuelle ihn bestimmen. Romanen, Slawen, Deutsche und Juden haben Wien bestimmt und ihm ihren Stempel aufgedrückt. Die lebendige Verbindung zwischen Wien und den Alpenländern, die unsere eigentliche Gegenwartsaufgabe ist, bedeutet in diesem Lichte gesehen nichts anderes als die organische Vermählung zweier christlicher Jahrtausende auf österreichischem Boden in ein und demselben nationalen Bewußtsein und Charakter, und damit wieder in ihrer Art eine neue Synthese zwischen West und Ost.“

Hier zeigt sich eine beachtenswerte, mehrschichtige Argumentation, die sich im Laufe seines Textes weiter zum „Christen und Sozialisten“ zuspitzen wird, aber gerade auch die Einbettung („…lebendige Verbindung zwischen Wien und den Alpenländern…“) des österreichischen Föderalismus quasi als rassisch-nationale, historisch bestimmte Aufgabe. Gleichzeitig beinhaltet diese Stelle auch eine rassisch-nationale Grundlage für das neutralitätspolitische Selbstverständnis der Zweiten Republik, gänzlich jenseits jeder ziellosen Pragmatik!

Es ergibt sich also überraschenderweise – rein logisch – aus Winters prägnanter Argumentation eine Vielzahl „typisch österreichischer“ Eigenarten, die sich auch besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jh. niedergeschlagen haben.

2.3. Die österreichischen Ären und die Janitscharen

Weiter führt Winter aus, wie vorhin bereits kurz skizziert: Die österreichische Geschichte sei bisher eine Geschichte zweier Jahrtausende. Das erste österreichische Jahrtausend, welches sich mit dem ersten Jahrtausend der christlich-westlichen Zeitrechnung größtenteils deckt (Winter datiert sein Ende mit der Nennung von Ostarrichi im 10. Jh.) und welches Winter vor allem rassenanthropologisch betrachtet, ist das Jahrtausend von „Rom und Byzanz“, von „Romanentum und Slawentum“. Das zweite Jahrtausend wiederum entspricht dem germanischen Jahrtausend, das sich mit Blick auf das Ende des nationalsozialistischen Deutschlands „vor unseren Augen in Rauch und Asche… verwandelt hat“. Dieses sei ein Jahrtausend der deutsch-feudalen bzw deutsch-dynastischen und „janitscharischen“ Fremdherrschaft.

Dieser „Janitscharismus“ ist in Winters Arbeit ein Begriff zentraler Bedeutung, wo er im nationalen Kontext für solche „Volksgenossen“ steht, die der Heimat als Kind gewaltsam entwendet wurden und deren Persönlichkeit man fortan zum „nationalen Selbsthass“ hin zu bilden versuchte.

Bezieht sich der Begriff zwar auf die osmanischen Janitscharen – die, wie die Mamluken, (in Hinblick auf den Soldatenmangel des blühenden Osmanenreiches) als Kinder von Christen in osmanischen Einflussgebieten in dessen Reichszentrum entführt worden waren, um sie dort zur Apostasie zu zwingen und gerade sie als osmanische Gardesoldaten gegen ihre alte Religion und ihre alte Heimat zu striegeln – so lässt sich im Kontext des Deutschen beispielsweise auch ein (wohlgemerkt: gescheiterter) Janitschare in Arminius erblicken.

Winter meint, es sei gerade diese Qualität der österreichischen Herrscherschichten gewesen, die das zweite österreichische Jahrtausend maßgeblich geprägt hatten, dem Deutschen dienende Janitscharen zu sein. Nicht zuletzt brandmarkte er gerade im Kontext des nationalsozialistischen finis austriae den damaligen Bundeskanzler Schuschnigg, der als „Österreicher slawischer Abstammung und slawischen Namens“ aus einer ungedanklichen Selbstpreisgabe heraus, die „kein ‚deutsches Blut‘ fließen sehen konnte“, Österreich an die deutsche Fremdherrschaft ausgeliefert habe.59

Für Winter ist daraufhin das „Ende des germanischen Jahrtausends… das Charakteristikum unserer Zeit[,]“ also folglich stilistisch wohl der Beginn eines dritten österreichischen Jahrtausends, zumindest einer österreichischen Ära, welche, wenn man Winters Gedankenstrang weiterdenkt, wohl die Ära der österreichischen nationalen Selbstbestimmung und des österreichischen nationalen Selbstbewusstseins sein werden solle, in welcher jeder österreichische „Janitscharismus“ überwunden werden könnte.60

Auch hier merkt man eine bedeutende mythologische Potenz für ein Nachkriegsösterreich.

2.4. Demokratie und Sozialismus

Auch einen ganz besonderen Stellenwert besitzt für Winter ein Begriffspaar, das die „zwei Leitlinien“ des Österreichischen, den „politischen Kern, der sich merkwürdigerweise am allerwenigsten verändert hat“, beschreiben soll.61 Dabei steht die Demokratie für die politische Freiheit, der Sozialismus für die wirtschaftliche Gleichheit. Sie stellen nach Winter eine „seltene Kontinuität“ und eine „politische Substanz“ Österreichs dar, die in Österreich – gerade anders als anderswo – auf einer „Koinzidenz beider Ideen“, statt in der bloßen „einseitigen Ausbildung“ des Einen oder Anderen.62

Hierbei kritisiert Winter die zeitgenössisch vorherrschende Meinung, es wäre die Leistung des Germanentums gewesen, der Welt die Ideale der Freiheit und Gleichheit zu schenken, welche sich gegen den „Despotismus [der] mittelländischen Welt“ richten und die Völker derselben zu erlösen in der Lage seien. Er zitiert eine unbenannte „neuere Geschichtsforschung“, die gerade dieses Verhältnis revidiere und ein „Weiterleben der griechisch-römischen Freiheits- und Gleichheitsideen über das Ende Westroms hinaus im Oströmischen Reiche festgestellt“ habe. So, folgt er, sei es gerade nicht das germanische Element in der österreichischen Geschichte gewesen, das seine Erlösung bringen könnte, wie das stets Grundlage der deutschromantischen Auffassungen gewesen war und nach wie vor ist, sondern sei Fortbestand dieser Ideen Ergebnis der Erfolglosigkeit germanischen Kultureinflusses auf die in den Ostalpen historisch vorhandenen „demokratische[n] und sozialistische[n] Organisationsformen“, in denen „Rom und Byzanz… fortleben“.63

Winter schließt daraus auch eine gewisse austrozentristische Position: Es sei gerade Österreich jener Ort, in dem sich „westliche Demokratie und östlicher Sozialismus nunmehr treffen, aufeinander hin entwickeln und miteinander vermählen müssen.“ Weiter:

„Wenn die westliche Demokratie von der politischen zur sozialen Demokratie sich entwickelt und wenn der östliche Sozialismus umgekehrt von der sozialen zur politischen Demokratie fortschreitet, so werden sie sich in der neuen Weltzeit, die vor uns liegt, finden und dieselbe gemeinsam tragen. In Österreich aber haben sie sich bereits getroffen. Auf Grund einer fast zweitausendjährigen Geschichte, von der die Rede sein wird, sind Demokratie und Sozialismus eins in Österreich wie nirgends sonst. Das ist der Beitrag Österreichs zur neuen Weltzeit, die diese Einheit braucht.“64

Still vorausgesetzt wird für diese Position selbstverständlich die Normativität einer solchen Entwicklung und Vermählung, welche aber angesichts der historischen Entwicklung des „Systemkonflikts“ im 20. Jh und in gewisser Weise auch in das 21. Jh hinein durchaus ein gewisses Überzeugungspotential besitzt. Es lässt sich ohne großartige Schwierigkeiten beobachten, dass die Entwicklung der Welt eine bedeutende allgemeine konvergierende Tendenz – das Lernen von West wie Ost – besitzt, welche bekanntlich nach wie vor durch konvergenztheoretische Perspektiven untersucht werden und bisweilen auch eine herrschende Meinung in gewissen Sparten der Wissenschaften zu produzieren in der Lage war.

Diese Tendenz lässt sich freilich nicht in jedem Sachverhalt beobachten und sie unterliegt auch selber nennenswerten Schwankungen – gleichwohl wird sich trotz des Aufstiegs des Neoliberalismus schwer behaupten lassen, dass von westlicher Seite politische Konzepte, die auch nur grundlegend sozialpolitisch ausgleichende und wirtschaftsplanende Instrumente der öffentlichen Gewalt konzeptionell ablehnen, nachhaltig ernstgenommen werden könnten, wie andererseits, dass von östlicher Seite (unbeschadet des Zusammenbruchs der diese Seite repräsentierenden Staaten) die Notwendigkeit politischer und individueller Freiheitsrechte noch geleugnet werden könnte.65 Es ist gerade die Konvergenz in diesen Fragen, auf die Winter hinzuweisen sucht und die in Österreich tatsächlich historisch früh ausgebildet zu sein schienen, wie man bsplw am bemerkenswerten Laientum des österreichischen Christentums einerseits oder an der ideologischen Seltsamkeit (im eigentlichen Wortsinn!) des Austromarxismus andererseits beobachten kann.

3. Reale politische Wirkungen

3.1. Vorbemerkungen

Wenn auch Winters Volksbegriff sich erst 1945 endlich niedergeschlagen hatte, so wirkte Winter ja, wie einleitend erwähnt, dennoch im Rahmen seiner als Aktion Winter bekannt gewordenen Mühe, Sozialdemokratie und Christlichsoziale im Zwischenkriegsösterreich zu einer Einheitsfront gegen den (fremd-deutschen!) Nationalsozialismus zu schmieden, gänzlich im Sinne des in seinem Manuskript dargestellten Österreichnationalismus. Im Folgenden sind beispielhaft einige wichtige Äußerungen und politische Auseinandersetzungen dargestellt, die Hintergrund für das reale politische Wirken Winters sind. Diese beinhalten deswegen natürlich auch einzelne Aspekte, die als besonders relevant in der Einschätzung der Potenz seines politischen Wirkens gelten müssen, ganz besonders etwa der große Graben zwischen Winter und der Sozialdemokratie in der nationalen Frage.

3.2. Winters Mahnungen von 1933

1933 konnte EK Winter in der Arbeiter-Zeitung zwei offene Briefe veröffentlichen, die sich an den damaligen Bundespräsidenten Miklas richteten. Sie datieren jeweils auf den 12. März und den 2. April. Sie behandeln die sich infolge der „Selbstausschaltung des Parlaments“ etablierende österreichische politisch-systematische Degeneration und – so fürchtet Winter richtig – eine kommende diktatorische Periode. Sie legen Zeugnis über Winters zu dieser Zeit Ansichten ab, in denen er sich bsplw bereits einleitend prononciert katholisch und österreichischnational definiert.66

Er bezeugt weiters seine – im eigentlichen Wortsinn – konservative Staatsauffassung (die auch seinem früheren Legitimismus Kontext verleiht), die die Basis jeder bleibenden Sozialreform sein müsse, denn nur auf einer „stabilisierten Staatsordnung“ können dieselben „auf die Dauer durchgehalten werden“.67 Auch unterstreicht er seine bekannte Brückenbauerhaltung, wörtlich:

„[Es ist] die Aufgabe gerade derer, die sich ganz fest fühlen in ihrer konservativen Überzeugung, die tragfähigen Brücken hinüber zur Opposition zu suchen, durch die allein der Staat noch vor der Katastrophe bewahrt werden kann. Denn längst hat sich dem unbefangenen, nicht in parteipolitische Vorurteile verstrickten Beobachter die Überzeugung aufdrängen müssen, dass nicht nur die christlichsoziale Partei, sondern auch die sozialdemokratische Partei vollen Anspruch darauf hat, vom Volke ebenso wie vom Bundespräsidenten als Staatspartei betrachtet zu werden. Gerade wer konservativer Staatsauffassung ist, muss sich freuen über die längst gelungene Staatswerdung des Marxismus in Österreich, über die international anerkannten Leistungen des Wiener Kommunalsozialismus, über das in allen entscheidenden Fragen immer wieder bekundete Verantwortungsbewusstsein der Opposition dem Lande gegenüber, über ihr Bemühen, durch diskutierbare Vorschläge dem dringlichen Bedürfnis der Organisation der Wirtschaft durch den Staat näherzutreten und über vieles andre mehr, was ich für meine Person, konservativ bis ins letzte, immer auch öffentlich anerkannt habe…“68

Naiv und ungewollt prophetisch im negativen Sinne mit Bezug auf Bundespräsidenten Miklas auch:

„Sie sind dem Volke vertraut als der Anwalt eines gerechten Ausgleiches… Wir alle wissen von Ihnen, dass Sie keinen Zoll breit von der Verfassung abweichen werden.“69

Winter appelliert daraufhin an die konservative Staatsauffassung des Lesers, gerade die

„…nichts mehr wünschen kann als die vorurteilslose Heranziehung auch des organisierten Proletariats und seiner berufenen Vertreter zu den Aufgaben, die der Staat allen, keineswegs nur der einen Seite des Parlaments, stellt. Das österreichische Proletariat hat in langen Kämpfen so viele Beispiele von Disziplin gegeben, die der gerechte Beurteiler anerkennen muss, es ist in so viele Bereiche der Kulturorganisation, die es vorfand, hineingewachsen und es hat die Aufgaben, die ihm die Bewahrung dieser Kulturgüter stellten, vielfach richtunggebend gelöst, dass es vom Standpunkt des Staatsganzen unverzeihlich ist, wenn diese positiven Energien des Aufbaues nicht auch für den Gesamtstaat herangezogen werden, dass es überdies aber ein Verbrechen an Österreich wäre, ein fünfzehnjähriges Verwachsensein von Proletariat und Staat wieder annullieren zu wollen, abgesehen davon, dass es wohl auch vergeblich wäre, dies zu versuchen.“70

Bemerkenswert ist hier auch seine Berufung auf die gemeinsame Bewältigung von Aufgaben, die etwa „ein von beiden Parteien wirklich getragenes Staatswirtschaftsprogramm“ bedingen.71

In seinem zweiten Brief ruft Winter ins Gedächtnis, dass

„[j]eder Verfassung im staatsrechtlichen Sinne… ein ungeschriebenes Gesetz [zugrundeliegt], eine Verfassung im staatssoziologischen Sinne… Die soziologische Voraussetzungen der österreichischen Bundesverfassung ist das Gleichgewicht der Gruppen, die sie geschaffen haben, gewiss die Vorhand der einen Partei, die das Mehrheitsrecht sichert, aber auch die Mitbestimmung der andern Partei, die im Minderheitsrecht verankert ist. (…) [Aber n]icht die verfassungsmäßige Zusammenarbeit von Mehrheit und Minderheit war Seipels Staatsideal, sondern die Herrschaft der 51 Prozent über die 49 Prozent. Die Politik Seipels bedeutete demnach den ersten entscheidenden Verfassungsbruch, wenn auch nicht in positiv-rechtlichem, sondern in einem höheren, geistigen Sinne. Seipels Abfall von der soziologischen Voraussetzung der Verfassung, durch den erst ihr Funktionieren selbst gefährdet wurde, war um so verhängnisvoller, als es wesentlich auch sein eigenes Werk war, das er hier verneinte…“72

Winters Österreich, in dem sich Christ und Sozialist nicht nur die Hand halten sollen, sondern sich vielmehr gegenseitig stützen, führt bei ihm also auch zu einer rechtstheoretischen Konsequenz, nämlich zur Formulierung eines Verfassungsgrundprinzips der Konsensdemokratie! Diese Beobachtung Winters alleine ist bereits äußerst potent, insofern sie der österreichischen Verfassungsgrundlage direkt eine dezidiert national-kulturelle Grundlage einpflanzt, die vor allem gegenüber dem Deutschen Reich und den sonstigen germanischen politischen Strukturen (man denke an die englische Mehrheitsdemokratie) eine empfindliche Grenze zieht. Und es ist diese Beobachtung Winters, die – trotz seiner zeitgenössischen Erfolglosigkeit – durchaus keine idealistische Liebhaberei, sondern eine ernstzunehmende politische Aussage darstellt, wie die politische Praxis der Zweiten Republik später beweisen sollte.

3.3. Sozialistischer Deutschnationalismus

Bekanntlich fiel der historische Zwilling des österreichischen Christen, der österreichische Sozialist, vor 1945 maßgeblich dem Deutschnationalismus anheim. Dies sollte wohl einige Gründe besitzen, auch der, dass die ideologischen Gründerväter des österreichischen Sozialismus endlich eben auch Reichsdeutsche gewesen waren und man sich in ideologischen Fragen vorerst stets nach diesen gerichtet hatte. Erst mit dem – will man Winter folgen – urösterreichischen einigenden und ausgleichenden Moment, das Viktor Adler in die österreichische Arbeiterbewegung trug, und mit dem er derselben überhaupt erst ihre Form gab, scheint sich die österreichische Natur auch dort niederzuschlagen, jedoch gänzlich nur latent.

Das Hainfelder Programm von 1888 und 1889 proklamierte die nationale Unabhängigkeit der frisch gebackenen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei; sie soll fernab nationaler Grenzen wirken und zeigt damit noch die geistige Einbettung in einen feudalen, das heißt pränationalen Staatsbegriff. Diese österreichische Partei war eine Partei für alle im kaiserlichen Österreich Lebenden; seine Grenzen waren keine nationalen, sondern rein personalherrschaftliche.

Im Linzer Programm, welche der SDAP im Zwischenkriegsösterreich ihr Profil gab, gab es nunmehr eine nationale Positionierung. Es spricht von einem deutschösterreichischen Volk und von der unbedingten Notwendigkeit eines Anschlusses Deutschösterreichs an das Deutsche Reich als Erfüllung des zweiten Artikels der Proklamation der Republik Deutschösterreich.73

Für die Sozialdemokratie ist es im Gefolge Otto Bauers der „Nationalcharakter“, der die Zugehörigkeit zu einer Nation bestimmt, und der sich aus bestimmten körperlichen und geistigen Merkmalen ergibt.74 Dabei wird jener Standpunkt eigenommen, der zwischen den Reichsdeutschen und den Deutschösterreichern maximal ein innernationales Spektrum sieht, statt einer würdigen Nationalgrenze. Gerade Otto Bauer tat sich als energischer Deutschnationalist hervor und prägte damit das Nationalprofil der SDAP.

Angesichts des mehr oder minder selbstverständlichen Deutschnationalismus in den Reihen der SDAP (bzw unter der Mehrheit ihrer Mitglieder), scheint Winters Österreichnationalismus – nicht zuletzt aufgrund seines dezidiert katholischen Ursprungs gegenüber dem dezidierten Antiklerikalismus der Sozialisten – vor einem unüberwindbaren Abgrund gestanden zu haben, den erst die fatale Erfahrung des Nationalsozialismus als historische Lektion zu überbrücken in der Lage war.

Es fanden sich außerdem für diese kurze Arbeit keine Hinweise in der Literatur, auch nicht im Nachwort zu Winters „Geschichte des österreichischen Volkes“, welches weiterführende Literatur beinhaltet75, zu einem Kontakt von Winter mit den österreichischen Nationalisten in der KPÖ, vor allem mit Alfred Klahr. Kurioserweise wäre er hier jedoch wohl willkommener geheißen worden als in der SDAP. In diesen Zeichen steht endlich vielleicht auch die seltsame Verschränkung der Geschichte der historisch ignorierten linken CSP-Kader und der Nachkriegs-KPÖ, wie sie sich etwa in Viktor Matejka und Josef Dobretsberger personifiziert.

4. Politische Bewertung des winterschen Österreichbegriffs

4.1. Vorbemerkungen

Auch historische Arbeiten profitieren von zeitlosen Betrachtungen, nicht nur im interdisziplinären Kontext. Die historische Schwere, die prophezeiende Qualität der winterschen Äußerungen in Anbetracht des Geschehens der Zweiten Republik, die Förderung des interdisziplinären Denkens und endlich eben das Gestaltungsgebot jeder wissenschaftlichen Betätigung76 erlaubt in meinen Augen auch eine kurze isolierte Betrachtung des winterschen Österreichbegriffs, die im Folgenden zu sehen ist.

4.2. Nationales Selbstverständnis als Grundlage von Struktur und Sinn

Mit Hinblick auf die politischen und damit schließlich auch gesellschaftlichen Entwicklungen des frühen und daraufhin späten 20. Jh lädt sich das wintersche Mahnen mit einer intensiven Spannung auf. Es verleitet zur Reflektion über eine alternative Geschichte der österreichischen Gesellschaft und damit auch eine alternative Geschichte Europas.

Die Frage nach der Abwehrbarkeit der Zerstörung der nationalsozialistischen Herrschaft über Österreich und auch über Europa besitzt nach wie vor einen reservierten Platz der gesellschaftswissenschaftlichen Forschung, nicht zuletzt aus Präventionsgründen. Gerade im Rahmen der jüngsten Entwicklungen der Welt mehren sich Stimmen über eine weitere Intensivierung und qualitative Erstarkung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Geschichte, die ein Verständnis über die objektiven Gründe hinter dem Aufstieg solch menschlichkeitszersetzender Kräfte, wie sie die des Faschismus wenig umstritten sind, zu finden in der Lage sein soll. Nur mit Verständnis für diese Gründe ist es den Menschen erlaubt derartige Entwicklungen hintanzuhalten, wobei ein solches Hintanhalten normativ als allgemeines politisches Ziel vorausgesetzt wird.

Winters Österreichkonzept unterstreicht Gemeinsames, Konviviales, Menschliches. Es ist in dieser Hinsicht trotz jeder oberflächlichen oder tieferen Verwendung „rassischer“ Kategorien und damit letztlich biologisch-deterministischer Argumentationen faktisch ein Menschenbild, welches man im wahrsten und eigentlichen Sinne des Wortes als gesund beschreiben kann. Hier auch implizieren Gesundheit und Menschlichkeit eine normative Aussage. Und dennoch lässt sich hier, denke ich, leicht argumentieren, dass Mensch und menschliche Gesellschaft aus allen Blickwinkeln, die sich zumindest darauf einigen, dass Gewalttätigkeit, Hass, Verachtung udgl verachtenswerte Eigenschaften sein müssen, dann als gesund und auch menschlich gelten dürfen, wenn sie eine Umgebung zu schaffen in der Lage sind, die gerade diese Eigenschaften unterdrücken und ihnen entgegengesetzte Eigenschaften fördern kann.

Ein wintersches Österreich strebt gerade dorthin; es wehrt sich gegen die bewusste Unmenschlichkeit, die etwa von den Nationalsozialisten vertreten wurde, die im individuellen Kampf des Einen gegen den Anderen, die gewollte Dominanz des Einen gegenüber den Anderen udgl niederste Zwischen(un)menschlichkeiten ihre Blüte finden will.

Fraglich bleibt, ob hierfür ein Nationalbegriff – eine Nation – notwendig wird. Auch Vertreter des humanistischen Weltbürgertums streben in eine solche Richtung – und tun dies durchaus mit Recht. Eine solche Frage muss diese Arbeit aus verschiedenen Gründen aber unbeantwortet lassen.

Man kann sich im Weiteren aber einer auf Annahmen aufbauenden Betrachtung bedienen. Sollten sich Nationen als notwendig erweisen, um etwa eine gewisse kulturelle, sprachliche, wirtschaftliche, geistig-ideologische Kohärenz und damit gesellschaftliche Stabilität aufrechterhalten zu können, dann ließe sich argumentieren, dass der wintersche Nationalbegriff jedenfalls unter den Nationalbegriffen wohl eine besonders gesunde Basis beinhaltet, so er trotz seiner Natur als Nationalbegriff einschließend wirkt, das Gemeinsame betont und den Willen der menschlichen Anteilnahme und Solidarität bestärkt, auch über diese nationalen Grenzen hinaus.

Hier liegt auch einer der großen Effekte dieser Vermählung von Demokratie und Sozialismus, von persönlicher Freiheit und wirtschaftlicher Gleichheit: Gerade durch die Selbstverständlichkeit eines starken Gemeinsamen, erlaubt sich eine Gesellschaft quasi eine „konstante“ Demokratie. Auseinandersetzung findet durchwegs statt, nicht nur durch Repräsentanten in einem Parlament fernab des Alltags. Anders herum ermöglicht auch gerade der Friede der sozialistischen Konsensdemokratie die persönliche Freiheit des Einzelnen. Eine Verwirklichung des alten Musketiermottos.

Welche Nachteile besitzt ein solcher Nationalbegriff und die damit verbundenen Einrichtungen?

Beispielsweise mahlen die Mühlen einer Konsensdemokratie üblicherweise recht langsam, dh trotz einer gerechtigkeitsbewussten Natur, wie sie Winter im Österreicher sehen will, sind derartige Systeme ungeeignet für Reaktionen auf relativ plötzlich auftretende gesellschaftliche Herausforderungen, die oftmals rasches und entschlossenes Handeln erfordern. Solche Reaktionen müssen also möglichst im Vorhinein – aus Vor-Sicht – einen rechtlichen Rahmen erhalten, der dazugehöriges Handeln der Staatsmacht erleichtert, ohne aber den Rechtsrahmen dafür zu instabilisieren.

Schließlich müsste aber ein solches wintersches Österreich beste Voraussetzungen besitzen, um ein menschenwürdiges Dasein für seine Bewohner schaffen und sichern und möglichst auch darüber hinaus fördern zu können. Er wäre bestens gewappnet gegen die typischen Seuchen und Plagen, die Nationen befallen, vor allem gegen den Nationalchauvinismus. Ihm fehlen die institutionellen Voraussetzungen für die Entwicklung eines solchen, denn er fördert gerade Dezentralisierung, Zurückhaltung und Verstehen-Wollen: Die Erzfeinde des Chauvinismus, der sich aus dem Wunsch zur Konzentration und Dominanz speist, welcher üblicherweise im internationalen Nationengerangel Selbstverständlichkeit besitzt, so dasselbe dem Leitsatz „Möge der Stärkere gewinnen“ folgt. Einem winterschen Österreich fehlt aber schlichtweg das Gen für dominierende Stärke wie einem Verein das Profitinzentiv. Denn auch kann sich ein Verein sicherlich von sich selbst lösen, sich verlieren und verwandeln, zu einem nach Profit strebenden Unternehmen – aber dafür müsste er sich eben gerade selbst verlieren.

5. Schlusswort

Es bleibt ein kurzes Schlusswort zu bieten.

EK Winter hat mit diesem Teil seines Lebenswerks seine höchst integre Persönlichkeit unter Beweis gestellt. Er erinnert über jede nationale Frage heraus mit mahnender Stimme an menschliche Charaktereigenschaften, die in wirren Zeiten nicht selten fremd oder sogar kitschig wirken, und dennoch menschliche Charaktereigenschaften bleiben und damit gerade in solchen Zeiten am wertvollsten werden. Wir kennen mittlerweile sozial-zentrifugale Kräfte sehr viel besser als früher und viele Menschen arbeiten an ihrer Verhütung. Aber noch leben wir nicht in einem solchen winterschen Österreich und auch nicht in einer Welt, die solche Werte grundsätzlich teilen könnte. Während konvergenztheoretische Beobachtungen hier und da durchaus optimistisch stimmen dürfen, ist auch zu bemerken, dass seit dem Zusammenbruch der östlichen Gemeinschaftsideologie eine Ära der übermäßig kräftigen westlichen Freiheitsideologie begonnen hat. Ohne der Gemeinschaftsbetonung produziert diese Freiheitsideologie aber in äußerst beängstigender Weise eben solche sozial-zentrifugalen Kräfte, die ihren eigenen Untergang im Sinne eines gesellschaftlichen Strukturverlusts bedeuten könnten. Praktisch ist dies gleichbedeutend mit Problematiken, die eingangs erwähnt wurden, etwa dem Aufstieg von neuen Faschismen.  Aber selbst ohne dem Aufstieg von solchen, scheint es, dass auch eine bestehende gesellschaftliche Struktur auf Basis einer mächtigen Freiheitsideologie sich zum eigenen Bestehen eine Verliererkaste halten muss, die heute vor allem durch Verlierernationen (die sogenannte Dritte Welt) repräsentiert wird.

Winter blieb zeitlebens Außenseiter und wird dieserart charakterisiert. Aber dennoch wird auch erinnert: So außenseiterisch er sich stets betätigte, so mittig und zentral muss sein Denken eingeordnet werden, als Vermittler und Versöhner.77

Diese Arbeit ist in recht kurzer Zeit entstanden und blieb deswegen an manchen Stellen stecken, wo sie noch weiter ausgeführt werden hätte können. Insbesondere eine Analyse der politischen Potentiale des winterschen Denkens hätte mehr Aufmerksamkeit verdient sowie die Einbindung mancher bestehender Beiträge, etwa die Felix Kreisslers und Ernst Bruckmüllers, als ich ihnen zeitbedingt noch geben konnte.78 Das erste Kapitel ist indes vglw gelungen und bietet keinen schlechten Einblick in die grundlegende Theorie des winterschen Österreichbegriffs, dem auch einige – in meinen Augen – recht interessante Beobachtungen hinzugefügt wurden. Die behandelte Thematik verdient weit darüber hinaus durch mich allgemeinhin noch große Aufmerksamkeit, die ich aber sicherlich aufbringen werde.

In dieser kurzen Arbeit wurde hoffentlich ein Österreichbegriff vorgestellt, der nicht nur gewisse Verwunderung produziert, sondern gerade auch Interesse geweckt hat. In einer Zeit, in der nationale Chauvinismen wieder auf dem Vormarsch sind und es an ausgleichenden, Verständnis fördernden Stimmen immer mehr zu fehlen scheint, ist die Lehre und Mahnung dieses Nationalbegriffs – der darüber hinaus auch eine allgemeine moralische Lektion darstellt – meines Erachtens mehr als willkommen zu heißen, allermindestens im Rahmen größerer, umfassenderer Debatten.


  1. Winter (2018): 12. 

  2. Winter (2018): 255; vgl auch Die österreichische Nation, Bd. 4 (Dez 1996): 12. 

  3. Winter (2018). 

  4. Winter (2018): 19. 

  5. "Natürlich muß es zu pathologischen Ergebnissen führen, wenn man als Metaphysik auffaßt, was eben nur eine Hilfswissenschaft sein kann." (Winter (2018): 16). 

  6. Ebd. 

  7. Winter (2018): 22. 

  8. Winter (2018): 22. 

  9. Winter (2018): 16. 

  10. Winter (2018): 50f. 

  11. Winter (2018): 16f. 

  12. Winter (2018): 51. 

  13. Winter (2018): 17. 

  14. Winter (2018): 17. 

  15. Winter (2018): 18. 

  16. Winter (2018): 18. 

  17. Winter (2018): 18. 

  18. Winter (2018): 19. 

  19. Winter (2018): 245f. 

  20. Winter (2018): 20. 

  21. Winter (2018): 20. 

  22. Winter (2018): 21, 21f; auch: 14, 234, 237. 

  23. Winter (2018): 22. 

  24. Winter (2018): 22. 

  25. Winter (2018): 22. 

  26. Man denke hier bsplw auch an ein Interview mit Ernst Fischer vom 18.3.1968 im Norddeutschen Fernsehen über die Situation in der sozialistischen Tschechoslowakei. 

  27. „…eine… Stimme, der man… die katholische und österreichische Klangfarbe nicht bestreiten kann…“ (Winter (1933a): 5.) 

  28. Ebd. 

  29. Ebd. 

  30. Ebd. 

  31. Ebd. 

  32. Ebd. 

  33. Winter (1933b): 4. 

  34. Sandkühler & de la Vega (1970): 378f. 

  35. Bauer (1975): 245. 

  36. Winter (2018): 267-269. 

  37. § 1 des österr Universitätsgesetzes (Bundesgesetz über die Organisation der Universitäten und ihre Studien [Universitätsgesetz 2002 – UG]) idFv 13.6.2024. 

  38. Die österreichische Nation, Bd. 4 (Dez 1996): 12. 

  39. Vgl Bruckmüller (1984); Kreissler (1984). 

Postskriptum

Bibliographie.

Bauer, O. (1975). Werkausgabe. (Bd. 1).

Bruckmüller, E. (1984). Nation Österreich: Sozialhistorische Aspekte ihrer Entwicklung. Böhlau.

Kreissler, F. (1984). Der Österreicher und seine Nation: Ein Lernprozess mit Hindernissen. Böhlau.

Sandkühler, H.-J., & de la Vega, R. (Hrsg.). (1970). Austromarxismus: Texte zu Ideologie und Klassenkampf. Europäische Verlagsanstalt.

Winter, E. K. (1933a, März 12). Katholischer Appell an den Bundespräsidenten. Arbeiter-Zeitung, 5.

Winter, E. K. (1933b, April 2). Die Warnung eines katholischen Gelehrten: Neuerlicher Appell an den Bundespräsidenten. Arbeiter-Zeitung, 4.

Winter, E. K. (2018). Die Geschichte des österreichischen Volkes (P. Diem, Hrsg.). Historia.

Bemerkungen.

Diese Arbeit entstand ursprünglich als Seminararbeit an der Universität Salzburg.

Empfohlene Zitierweise:

Christian, M. (2024). Österreich: Christlich und sozialistisch. Ernst Karl Winters »Geschichte des österreichischen Volkes«. in: Volk & Republik, Jg 1 (2024). (Preprint. Onlineversion: vur.co.at/preprint/24-1-3)

Querverweise